Germann Auktionshaus AG
Lot 6 / Bedeutende Gemälde, Skulpturen, Aquarelle und ZeichnungenMontag, 20. Juni 2022, 18:00 Uhr

Heidi Bucher, Einbalsamierung (Kleid)

Lot 6

Heidi Bucher, 1926-1993 (CH)

Einbalsamierung (Kleid), 1975-77

Textil, Latex, Knöpfe und Perlmutt.
H 1630 mm B 755 mm.

(Rahmen).

*CHF30'000 / 50'000
*EUR30'000 / 50'000
*USD31'000 / 52'000

Hammerpreis: CHF 46'000

Provenienz:
Schweizer Privatbesitz, direkt von der Künstlerin erworben;
Schweizer Besitz.

Expertise:
Wir danken dem "Estate of Heidi Bucher" für die freundliche Unterstützung bei der Katalogisierung.

Anmerkung:

Performative Häutungen von Räumen nehmen in Heidi Buchers Oeuvre eine zentrale Stellung ein. Die 1926 in Winterthur geborene Künstlerin trägt flüssiges Latex an Orten auf, die eine belastete Vergangenheit besitzen und gesellschaftliche Zwänge stützen. Hierzu zählen beispielsweise das 1978 gehäutete "Herrenzimmer" oder der Latexabzug der Räumlichkeit, in der Sigmund Freud und Dr. Binswanger ihre ersten Untersuchungen zu Hysterie-Patientinnen vornahmen. Die Erinnerungen, die an diesen Räumen haften, konserviert Bucher, um anschliessend durch den Kraftakt des Häutens mit alten Mustern zu brechen und die Architektur in etwas Fragiles zu verwandeln. In ihren Arbeiten möchte die Künstlerin soziale Ungleichheiten offenlegen, diese hinterfragen und patriarchale Strukturen überwinden. Sie thematisiert dabei auch ihre eigene Rolle in der Gesellschaft und nutzt weiblich tradierte Materialien und Verfahren, die sich gänzlich von den Arbeitsmethoden ihrer männlichen Zeitgenossen unterscheiden.

Bevor Heidi Bucher ab Mitte der 1970er-Jahre Architektur-Häutungen vornimmt, fängt sie zunächst an, weiblich konnotierte Materialien zu transformieren. 1973 kehrt sie nach Stationen in Kanada und den USA mit ihrer Familie in die Schweiz zurück. In dieser Zeit beginnt sie erstmals mit Latex zu arbeiten. Hierfür taucht sie Textilien wie Schürzen, Kleider oder Unterwäsche in flüssiges Latex, wodurch die Oberfläche der vormals funktionalen Hausbekleidung nach dem Trocknen des Gemischs eine feste Form annimmt. Der Entstehungszeitraum des Werks "Einbalsamierung (Kleid)" wird zwischen 1975 und 1977 datiert; das Nachthemd selbst stammt aber wohl aus den 1930er-Jahren. Das Kleid, das einst für den häuslichen Gebrauch gedacht war, gestaltet Bucher auf sinnlich-poetische Weise neu. Mittels irisierendem Perlmuttpigment verleiht sie den so gewonnenen Gebilden ein schimmerndes Äusseres. Auch Symbole wie Muscheln, Fische und Vögel finden sich als wiederkehrendes Motiv in diesen sogenannten "Einbalsamierungen".

Heidi Buchers Gesamtwerk wird gegenwärtig in der Wanderausstellung "Metamorphosen" gezeigt, welche bereits im Haus der Kunst in München zu sehen war, aktuell im Kunstmuseum Bern gastiert und anschliessend in das Muzeum Susch reisen wird. Innerhalb der feministischen Kunst nimmt ihr Oeuvre eine herausragende Position ein und sie wird als eine der wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts rezipiert.

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